Geschichte des Bonsai


1700 Jahre Bonsai, und kein Ende!

Schon immer stellte die Natur mit Ihren Urgewalten im Glaubenskult des Menschen einen besonderen Faktor dar. Besonders die asiatische Lebensauffassung erstrebt eine Harmonie von Mensch und Natur. Dass dabei der Baum, als Verbindung zwischen Himmel und Erde, eine Schlüsselstellung einnimmt, liegt sehr nahe. Wann nun aber die Bonsai-Kultur wirklich entstand, kann heute niemand mehr genau feststellen.
Die Ursprünge liegen auf jeden Fall im alten China, denn schon in der Han- Dynastie, 206 vor bis 220 nach Christus, haben die Chinesen künstlich gestaltete Felsen- und Garten-Arrangements auf Tablett-Grösse verkleinert und damit natürliche Gegebenheiten kopiert.
Vorbild waren die damals schon sehr beliebten Landschafts-Gärten, die teilweise schon vor über 2500 Jahren angelegt wurden.
Bis in die Tsin- Dynastie zurück, 265 bis 420 nach Christus, kann auch die Bearbeitung der einzelnen Bäume verfolgt werden: die ersten "Pun-sai" waren geboren.
Pun-sai bedeutet im chinesischen Sprachgebrauch: Baum ohne Landschaft in einem Gefäss und gilt, da die gleichen Schriftzeichen verwandt wurden, als Ursprung für das japanische Wort "Bonsai". Bonsai heisst genau übersetzt: Baum (sai) auf dem Tablett (bon).
Die ersten Bonsai- Darstellungen sind Wandmalereien und sind in einem Grab von Changhwei in Nordwest- China gefunden worden. Sie stellen Bedienstete dar, die verschiedene Pun-ching, "Landschaften auf einem Tablett", tragen. Von den Japanern werden diese Tablett-Landschaften "Bonkei" genannt.
Seit circa 700 nach Christus war es in China in adligen Kreisen beliebt, verschiedene Gestaltungs- Methoden der Pun-sai und Pun-ching zu diskutieren und in spezieller Fachliteratur festzuhalten. In ersten Anfängen befasste sich die chinesische Malerei und Dichtkunst mit der Pun-sai Kultur.
960 bis 1279 nach Christus, in der Sung- Dynastie, erlebte das chinesische Reich einen grossen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, auf deren Wellen natürlich auch die Bonsai-Kultur immer beliebter wurde.
Während dieser Zeit wurden die ersten Pun-ching auf eigenen Märkten zum Verkauf angeboten und die ersten Ausstellungen bewiesen die weite Verbreitung. Trotzdem war die Beschäftigung mit dieser Kunstform noch immer ein Privileg der Intellektuellen und des Adels.
Erst gegen Ende der Ming- Dynastie, 1368 bis 1644 nach Christus, wurde auch diese Art der Freizeit-Beschäftigung in der breiten Bevölkerung bekannter.
Die Bonsai- Kunst wurde aber in den westlichen Staaten nicht durch die Chinesen, sondern durch Japaner vorgestellt und bekannt gemacht. Schon vor dem zehnten Jahrhundert haben japanische Mönche Bonsai nach Japan gebracht.
In der Heian-Zeit, 794 bis 1165, sollen die ersten Bäume in Pflanz-Gefäßen kultiviert worden sein. Um 1090 sollen Bonsai-Ausstellungen in Kyoto stattgefunden haben. Diese Ausstellungen sind zum Teil auf Bilder- Rollen dargestellt, die zusammen mit den Annalen des Kasuga- Schreines gefunden wurden.
Die Bilder-Rollen zeigen Abbildun- gen des berühmten buddhistischen Priesters Honen-shonin, der 1133 bis 1212 lebte: Bilder von seinen Reisen, und auf einem Bild natürlich geformte Bäumchen in Schalen, die auf einem Bord aufgereiht sind.
Ein anderer bekannter Mönch war Eisai-zenjii, 1141-1215, der über 22 Jahre in China lebte. Mit ihm und besonders mit dem Wandermönch Saigyo wurde zeitweise eine spezielle Richtung der Bonsai-Kultur in Japan immer mehr verbreitet.
Die Bäume und die Erde wurden in den Hintergrund gedrängt und es wurden auf einem Tablett in erster Linie Steine verteilt. Die sogenannten Bon-san (Tablett/Berg) entstanden auf diese Weise.
Ein weiterer Grund für diese Entwicklung war die damals mythologisch begründete Haltung, keine Erde ins Haus zu bringen. Es galt geradezu als unrein.
Ebenfalls im Kasuga-gengon wurden die ersten Hinweise auf bestimmte Formen und Regeln bei der Bonsai- Kultur gefunden. Sie stammen aus der Fujiwara- Zeit, 897 bis 1185, und enthalten auch Anweisungen für den Wuchs des Baumes.
In der Kamakura-Zeit, 1192 bis 1333, erlebte die Bonsai-Kultur in Japan ihren ersten grossen Höhepunkt. Die Verbreitung unter den Adligen des Landes und der Aufschwung der Samurai-Klasse verstärkten den Bekanntheitsgrad. der Bonsai. Die ehrwürdige alte Stadt Dazaifu auf der südlichen Grossinsel Kyushu entwickelte sich zu einem Zentrum des Bonsai-Imports und -Exports mit dem Festland.
In seinen Geschichten " tsurezuregu- sa" beschrieb Yoshida Kenko 1331 auch seinen neuen Bonsai-Stil, der sich wieder mehr zur Natur hin entwickelte. Unter anderem beschrieb er auch die damals beliebte "hana awase- Darstellung".
Bei der hana awase- Darstellung handelte es sich um die Kombination von Bonsai mit Gräsern in einer, oder auch getrennt in zwei verschiedenen Schalen. Die Gräser verliehen dem Bonsai noch mehr Aufmerksamkeit und dienten zusätzlich als beruhigen- der oder ergänzender Hintergrund.
Auch weißer Kies oder Sand wurde auf die Erdoberfläche gestreut. Damit sollte die Harmonie zwischen Stamm und Schale verdeutlicht werden; ein Punkt, der heute oft völlig vergessen wird.
In der Ashikaga-Zeit, 1368-1573, wurde der Shogun Ashikaga Toshimasa als Bonsai-Liebhaber bekannt. Im jährlichen, offiziellen Bericht der Regierung beschrieb er die Schenkung einer "kara-matsu", einer, 'alten' Kiefer, an das japanische Kaiserhaus.
Zu dieser Zeit wurden die Bäume auch wieder mit in die Zimmer genommen und dort auf ein spezielles Regal oder in die "tokonoma", einer Art Bild-Nische, gestellt. Bei den ja- panischen Klima- Verhältnissen war dies selbst in den Winter-Monaten ohne Schwierigkeiten möglich.
Das No- Theaterstück "hachi no ki" (Pflanzen in einer Schale) aus dem 15. Jahrhundert beweist, dass zu dieser Zeit die Bonsai-Kultur schon weit. entwickelt ist.
Dieses klassische Theaterstück handelt von einem Shogun, der als Bettelmönch verkleidet durch die Lande reist, um festzustellen, ob seine Untergebenen noch zu ihm stehen. Als der Shogun von einem Schneesturm überrascht wird, findet er bei einem verarmten Samurai Unterschlupf, der aber kaum zu Essen und kein Brennholz hat. Um den vermeintlichen Mönch zu wärmen, opfert der Samurai seine letzten drei Bonsai, eine Kiefer, eine japanische Aprikose und einen Kirschbaum. Der Samurai erzählt, dass er, als er noch in besseren Verhältnissen lebte; sehr viele Bonsai besessen hatte.
Während der Edo- Periode, 1615- 1867, wurden die kleinen Topfpflanzen immer beliebter. Die ersten Pflanzen- und Bonsai-Märkte entstanden in Edo, dem heutigen Tokio.
Auf diesen Märkten wurden nicht nur Pflanzen, sondern ebenso intensiv auch Bonsai-Schalen verkauft. Dabei wurde bevorzugt mit chinesischen Schalen und Design gehandelt, das noch immer als einzigartiges Vorbild galt. Um aber den steigenden Bedarf an Schalen decken zu können, wurde auch mit der eigenen Produktion von Bonsai-Schalen begonnen.
In der Edo- Periode setzte sich auch eine eigenartige Formgebung der Bäumchen durch: Je bizarrer ein Baum geformt war, desto besser. Die neuen Richtlinien und der starke Bonsai- Konsum trugen im Laufe dieser Zeit dazu bei, dass die Qualitäten eines Bonsai in ästhetisch-religiöser Hinsicht abnahmen.
Obwohl die Bonsai immer bekannter wurden, befassten sich fast ausschließlich die gebildeten Bürgerschichten mit ihnen. Als sich besonders die Literaten mit der Bonsai-Kultur befassten, wurde ein neuer Bonsai-Stil kreiert: die Bunjingi- oder eben Literatenform.
Die rasche Verbreitung hatte natürlich auch einige Vorteile. So bildete sich der Beruf des Bonsai-Gärtners oder Bonsai-Meisters, Ausbildungs- Richtlinien wurden festgelegt und es bestand ein lebhafter Gedanken-Austausch unter den Bonsai- Meistem.
Als 1644 der chinesische Beamte Chu Shun-sui mit seiner umfangreichen Bonsai-Fachliteratur vor der Mandschu-Herrschaft nach Japan flüchtete, erhielt die Bonsai-Bewegung noch mehr Aufschwung.
Im 16. Jahrhundert dürften die ersten Bonsai nach Europa gekommen sein. Portugiesische Seefahrer hatten sie als Geschenk oder Reise-Andenken mit nach Hause genommen.
In seinem Reisebericht " Three Year's Wanderings In The Northern Provinces Of China" schreibt 1847 Robert Fortune: "Über die Zwergbäume der Chinesen und Japaner wurde von jedem Autor, der über diese Länder schrieb, berichtet und alle versuchten die Methode des Kleinwuchses zu beschreiben. Dieser Prozess ist in Wirklichkeit sehr einfach und basiert auf den bekanntesten Prinzipien der Pflanzenphysiologie. Wir alle wissen, dass alle Einflüsse, die den freien Saftstrom in einer Pflanze behindern, in gewissem Umfang auch die Formbildung des Holzes und der Blätter hemmen. Dies lässt sich durch Verpflanzen, Begrenzung der Wurzeln, Reduzierung der Wasserversorgung, Verbiegen der Äste und in hundert anderen Methoden beweisen, welche alle die gleichen Prinzipien verfolgen. Geschickt verstehen die Chinesen diese Techniken anzuwenden und sich der Natur für diese Besonderheit zu bedienen."
Erst 1914 wurde in Japan die erste große Bonsai-Ausstellung in Tokio veranstaltet. Aber schon 1878 wurden Bonsai in Europa auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.
Etwa zu diesem Zeitpunkt wurde in Japan damit begonnen, die verschiedenen Gestaltungs- und Pflege- Möglichkeiten in Kursen und Seminaren weiterzuvermitteln. Und seit 1934 findet jährlich im Kunstmuseum in Tokio eine riesige Bonsai-Ausstellung statt. Die Ausstellung lockt bis heute immer mehrere hunderttausend Besucher an.
Nachdem 1909 auf der Weltausstellung in London wieder Bonsai zu sehen waren, gab es durch die Kriegswirren und deren Nachwirkungen eine jahrzehntelange Abstinenz in Europa. Erst als die kleinen Bäume über den Umweg USA wieder nach Europa kamen, wurde diese einzigartige Kunstform neu entdeckt.
Aber wirklich verstehen kann diese Bonsai-Kunst nur, wer sie nicht mehr mit den Augen, sondern mit dem Herzen betrachtet.

Bonsai in der Schweiz:

Alljährlich im März - April und Oktober führen wir Bonsai - Kurse für Anfänger durch.

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